Romane + Erzählungen

Zwischen den Epochen – Tyll, Daniel Kehlmann

Eine Rezension zu „Tyll“ von Daniel Kehlmann

(Rowohlt, Oktober 2017)

Der Roman ist eine Zeitreise durch eine Epoche, die vielen zwar ein Begriff ist, aber dennoch meist kaum in ihren Details betreffend der Ereignisse bekannt ist: der Dreißigjährige Krieg. Durch eine Sagenfigur aus dem Mittelalter des 10. Jahrhunderts sowie gezogene Parallelen zur heutigen Zeit, ist es gleichzeitig eine Reise durch mehrere Jahrhunderte, „Tyll“ von Daniel Kehlmann:

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Tyll von Daniel Kehlmann (ohne Buchcover)

Inhalt

Das Buch spielt in einem noch „dunklen“ Zeitalter, in dem Religion und Kirche Macht ausübten und zu blutigen Religionskriegen führten. Der Katholizismus stand in Konkurrenz zum jüngeren Evangelismus, gar in einem dreißig Jahre lang andauernden Krieg. Dennoch zeichnete sich langsam auch ein Umbruch in die Moderne ab, in der Wissenschaft und Kultur begannen aufzuleben. Es ist die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

„Tyll Ulenspiegel“, muss als Kind mit ansehen, wie sein Vater der Hexenmagie bezichtet und verurteilt wird und selbst solang gefoltert wird, bis er Lügen gesteht. Die Begebenheit wird Auslöser für Tyll Entscheidung durch die Welt zu vagabundieren. Die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Sie stehen sich nahe, bezeichnen sie nach außen aber als Schwester und Bruder und stiften, da wo sie gerade sind, für Verwirrungen. Sie tanzen und belustigen. Sie sagen, was sie denken. Als Narr betrachtet Tyll die Narrenfreiheit buchstäblich als oberstes Gut und ist bis hinzu zynisch und aufrüttelnd in seinen Äußerungen.

Als Gaukler bleibt Tyll selten lange an einem Ort, womit die Geschichte verschiedene Stationen des Dreißigjährigen Krieges aufgreift. Tyll besucht die kleinen Leute, die unter dem Krieg leiden, zum Beispiel verkörpert durch die klassische bekannte Szene der Eulenspiegel-Saga, in der der Narr befiehlt, dass alle Dorfbewohner ihre Schuhe in die Lüfte werfen sollen und letztendlich vor einem Chaos stehen. Genauso unterhält er als Hofnarr die Machthaber, diejenigen, die Kriege beginnen und führen – wie der Winterkönig und seine Frau. Tyll macht vor keinerlei Ständen Halt bezüglich freier Meinungsäußerung und hält all den Leuten die Realität vor Augen. Doch wenn sich die Leute an ihn beginnen zu gewöhnen ist er meist schon wieder verschwunden…

Kritik

Tyll Ulenspiegel, der Figur Till Eulenspiegel entsprechend, ist einer Saga des Mittelalters (10. Jahrhundert) entlehnt und ist der fiktive Teil, der in die wahre Historie der Epoche des Dreißigjährigen Krieges eingeflochten und mit den geschichtlich-real existierten Figuren konfrontiert wird.

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Ein Buchcover, dass historisch im Hintergrundbild, aber modern in der Schrift ist

 

Diese scheinbar abstruse Verflechtung zeigt etwas Wesentliches für mich auf, dass zum einen Realität und Saga, zum anderen auch verschiedene Jahrhunderte  miteinander vergleichbar werden. Obwohl einige Epochen dazwischen liegen, scheint die Welt ähnlich zu denken und weiterhin Religion als zentrales Element zu betrachten. Auch im Vergleich zur heutigen Welt und aktuellen politischen Zuständen finden sich Parallelen, die Kehlmann unbewusst einbaut: zum Beispiel bezugnehmend auf den stetigen innere Konflikt der Politik gegenüber Meinungsfreiheit und Satire, dargestellt in Form der Narrenfreiheit von Ulenspiegel. Was darf Satire und wie viel Meinung ist zulässig? Eine aktuelle Leitfrage, die sich in der Figur Tills widerspiegelt.

Entgegen mancher Kritik, dass das Buch eine anfängliche Schwere mit sich bringe, fand ich mich schnell in die Geschichte ein und war von ihr gebannt. Allerdings fehlte mir manchmal die Klarheit in den geschichtlichen Zusammenhängen durch Zeitsprünge und nur am Rande dargestellte Geschichte. Doch animiert das Buch selbst zu recherchieren und so mehr Licht in das oben als dunkel bezeichnete Zeitalter zu bringen.

 

Fazit

Mich packte der Roman als ehemalige Studentin der Geschichtswissenschaft und Liebhaberin für Poetik und Wortkunst. Mit Tyll zeigt Kehlmann auf, dass Bücher durch Fantasie vor allem eines können: Mit der Realität spielen und sie im gleichen Zuge vor Augen führen. Mich konnte Kehlmann auf seine Reise durch Welten und Jahrhunderte mitnehmen und überzeugen. „Tyll“ ist facettenreich. Der Gaukler jongliert gekonnt mit Bällen – der Roman jongliert  mit Geschichte, Politik, Zynismus und Zeitepochen.

Weiterführende Links

Literarisches Quartett von der Frankfurter Buchmesse 2017

Deutschlandfunk: „Wiederkehr eines Narren“, Buchbesprechung

Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann (2005)

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