Rezensionen · Sachbücher

Über Unten und Oben. Über Gleichbehandlung

Eine Rezension zu „Margarete Stokowskis „Untenrum frei“ ( Rowohlt-Verlag, erschienen 2016)

„Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind. Und umgekehrt“, eine These auf die sich Margarete Stokowski grundlegend in ihrem Sachbuch beruft. Untenrum frei stützt sich dabei auf persönliche Erfahrungen und Erinnerungen der Autorin sowie von ihren Freunden und Bekannten, (mit Verweis darauf, dass sich die Ereignisse so oder so ähnlich zugetragen haben könne). Untermauert werden diese Erfahrungsberichte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Margarete Stokowski ist Journalistin und schreibt seit 2015 Kolumnen für Spiegel-Online, vorher schrieb sie für die taz.

Ab April 2018 wird das Buch „untenrum frei“ auch als Taschenbuch erscheinen, einmal mehr Grund für mich, aktuell das Buch zu besprechen:

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„Untenrum frei“ der Journalistin und Autorin Margarete Stokowski

Inhalt

Mit dem Sachbuch wird zum einen beleuchtet, wie freizügig und aufgeklärt wir heutzutage wirklich seien. Sex gilt in der modernen Gesellschaft offiziell kaum noch als Tabuthema, zumindest in der Öffentlichkeit. Sobald es jedoch um die eigene Privatsphäre geht, scheinen wir oft doch unbeholfen. Zum anderen wird der Umstand diskutiert, dass wir zwar bereits der Emanzipations- und Frauenbewegungen der Geschichte, die Gleichberechtigung von Frau und Mann zu verdanken haben, jedoch weiterhin wesentlich Unterschiede bestehen. Letztere liegen nach der Autorin in den gesellschaftlichen Konventionen begründet. Unsere Unterschiede von Frauen und Männern seien gesellschaftlich konstruiert und führen zu Stigmata, die Ungleichbehandlung nachsichziehen.

Kritik

Untenrum frei kann als ein gesellschaftspolitisches Essay betrachtet werden, das sowohl provokant und sachlich als auch persönlich und emotional, den Diskurs über Gleichberechtigung und moderne Frauenbewegung skizziert. Durch die Verknüpfung von persönlichen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen und Meinungen war das Buch unterhaltsam, gleichzeitig aber auch lehrreich: Stokowski zeigt anschaulich auf, dass einige gesellschaftliche Gepflogenheiten und Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen so fest verankert sind, dass sie unser gesellschaftliches Leben beeinflussen, obwohl sie oftmals gar nicht mehr zeitgemäß sind.

Zum Beispiel sind hier geschlechterspezifische Merkmale zu nennen wie blaue Sachen für Jungs und rosa Dinge für Mädchen oder dass sich Jungs für Autos und Fußball, hingegen Mädchen sich für Puppen, Kochen und Schminken interessieren müssten. Darauf soll vermutlich auch das Buchcover provokativ anspielen, indem ein großes X, stellvertretend für das weibliche XX-Chromosom, in Neonfarben einer pink-/orangefarbenen Nuance abgebildet ist.

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Muss Pinkes immer für Mädchen sein und Blaues für Jungs?

Solche Form der Geschlechtertrennung erscheint alles andere als modern. Zum einen sollen unsere Kinder sich frei entfalten können und einen individuellen Stil finden, doch zum anderen werden sie wieder in kommerzielle, geschlechterbezogene Schubladen „gesteckt“, die sie prägen. Gerade in der persönlichen Entwicklungsphase brauchen Kinder und Jugendliche Orientierung wie gesellschaftlichen Normen und Regeln. Deshalb ist es meiner Meinung nach wichtig in unserer Gesellschaft, dass Geschmäcker vielfältig sind und jeder Mensch diese individuell ausleben kann, ohne in eine Richtung gepresst zu werden.

Ferner war es spannend mit Hilfe des Buches mal zu hinterfragen, warum unsere Gesellschaft so tickt, wie sie  tickt. Wir reden heutzutage gern und oft über Sex. Kaum ein Buch oder Film kommt ohne eine Liebesbeziehung oder Sexszene aus. Doch bedeutet es keineswegs, dass wir deshalb vollkommen frei und emotional abgeklärter seien.  Wir glauben folglich obenrum frei zu sein, indem wir vor allem gern darüber reden. Doch ist es eine hinreichende Bedingung, um untenrum tatsächlich frei zu sein? Entsprechend gebe ich der Leitthese des Buches recht, dass wir untenrum nicht frei sein können, wenn wir es obenrum nicht sind, und umgekehrt.

Der Thematik über den tatsächlichen Umgang mit unserer Freizügigkeit in der modernen Gesellschaft hat die Autorin für mich leider jedoch nicht genug Raum gegeben, beziehungsweise fast ausschließlich im Kontext ihres Fokus auf feministische Perspektiven und Ansichten betrachtet. Dahingehend wiederholte sie sich in ihren Argumentationen und blieb in ihren Rückschlüssen begrenzt. Letztendlich sei alles gesellschaftlich gemacht und unfair. Das finde ich in gewissen Zusammenhängen zu einfach formuliert.

Trotzdem fand ich es spannend, die Perspektiven des Feminismus genauer kennen zu lernen. So gefiel mir der Ansatz, dass entgegen vieler Meinungen, es Feministinnen nicht darum ginge , dass Frauen die Weltherrschaft ergreifen möchten, sondern es eher gar keine Herrschaft ( weder der Frauen noch der Männer) geben solle. Es sollte nicht darum gehen, wer die Welt besser beherrscht, sondern wie man gemeinsam das Leben gleichberechtigt bestreiten kann –  jeder sollte leben wie und lieben können, wen er will.

Fazit

Margarete Stokowski trifft den Nerv unserer Zeit und spricht grundlegende Herausforderungen und Problematiken an. In der Welt gibt es noch viele Regionen, in denen man aufgrund des Geschlechts und sexueller Orientierung diskriminiert und nicht gleichberechtigt behandelt wird. Weiterhin auf bestehende Differenzen, auch in Deutschland, aufmerksam zu machen, ist wichtig. Es ist von Bedeutung, für Gleichberechtigung und Gleichheit aller Menschen weiterhin zu kämpfen. Außerdem sollte es in unserer freizügigen Welt möglich sein, frei und selbst zu entscheiden, wer wir sein wollen und welchen Interessen, aber auch sexuellen Orientierungen wir nachgehen wollen. Einzig und allein Freiheit sollte unsere Welt beherrschen und unsere Gesellschaft darf ruhig noch etwas offener und liberaler werden.

Weiterführende Links:

Zeit-Online: Magarete Stokowski: Eine Poesie des „Fuck You“

Eine Kolumne von Margarete Stokowski auf Spiegel-Online

Diskussion über die Serie „Good Girls Revolt“ zur Frauenbewegung im Journalismus der 60er/70er Jahre

2 Kommentare zu „Über Unten und Oben. Über Gleichbehandlung

  1. Eine sehr schöne Kritik!
    Ich hatte das Buch auch schon einmal in der Hand, fand aber das Cover auf den ersten Blick so merkwürdig, dass ich es direkt wieder weggelegt habe. Ich denke, wenn es im April als Taschenbuch erscheint, werde ich es mir dann wohl doch noch holen 🙂
    Daher dir vielen Dank für diese Besprechung und dass du mich nochmal auf das Buch aufmerksam gemacht hast! 🙂
    Viele Grüße
    Jennifer

    Gefällt mir

  2. Ein sehr wichtiges Thema. Deine Besprechung gefällt mir sehr gut und regt dazu an, immer wieder über dieses stets aktuelle Thema nachzudenken.
    Ich hatte das Buch gar nicht auf dem Schirm und bedanke mich deshalb, dass du darauf aufmerksam machst!
    Liebe Grüße
    Saskia

    Gefällt 1 Person

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