Rezensionen · Romane + Erzählungen

Auf dünnem Eis

Rezension zu „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier

(März 2017, Mare Verlag)

Herz auf Eis ist eine vielversprechende moderne Robinson-Geschichte, bei der es heißt, dass sie einen nicht mehr loslässt oder nach den Worten der französischen Tageszeitung Corse Martin zufolge so beschrieben werden kann: „Diese Lektüre ist eine Extremerfahrung“.

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„Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier, eine moderne Robinson-Crusoe-Geschichte.

Inhalt

Louise und Ludovic, ein Paar ursprünglich aus Paris, mit einem sicheren Job und aus einem gut bürgerlichen Umfeld stammend, beschließen ein Sabbatjahr einzulegen. Sie haben vor, auf Abenteuerreise zu gehen.

Zu Beginn der Geschichte befindet man sich mit den beiden auf ihrem Boot „Jason“. Das Paar muss dem innerhalb von kürzester Zeit sich zuziehenden Unwetter entfliehen. Die beiden stranden auf einer Insel in der Nähe von Kap Hoorn, auf der sie eine verlassene Walstation entdecken und für die Nacht einen Unterschlupf suchen. Am nächsten Tag machen sie eine erschreckende Entdeckung: Ihr Boot ist spurlos verschwunden. Sie sitzen fest auf der verlassenen Insel ohne Proviant und Kleidung oder gar einem Funkgerät.

Es beginnt eine Zeit, in der ihre Beziehung auf eine wesentliche Probe gestellt wird und ihr Leben in Paris immer ferner scheint. Ihr Aufenthalt auf der Insel wird zu einem Auf und Ab ihrer Gefühle zwischen dem gemeinsamen Kampf gegen Hunger und Gefahren der Insel sowie dem unmittelbaren sich einstellendem egoistischen Gefühl des Überlebenstriebes – vor allem als der Winter einbrechen wird. Denn diese Insel liegt nicht wie bei Robinson Crusoe in der warmen Karibik, sondern ist von einer kalten antarktischen Meeresströmung umgeben – anstatt Palmen und Kokosnüssen gibt es Eisberge und Pinguine.

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Louise und Ludovic, gestrandet im Nirgendwo.

Kritik

„Herz auf Eis“ zeigt, wie der unmittelbare Kampf um das Überleben die Liebe und Zuneigung zwischen Menschen verändern kann.

Der Roman überzeugt mit einer hohen Spannungskurve und überrascht mit nicht vorhersehbaren Wendungen der Geschichte. Man fiebert Wort für Wort mit Louise und Ludovic mit und versucht nachzuspüren, wie es wäre, selbst in dieser Notstandssituation zu sein. Welche Verhaltensweisen würde man persönlich dabei entwickeln? Folgt man dem egoistischen Drang zu überleben, ohne Rücksicht auf Verluste oder sind Gefühle und Emotionen in der Beziehung zu anderen doch letztendlich stärker?

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„Diese Lektüre ist eine Extremerfahrung.“ (franz. Tageszeitung Corse Martin)

Mit der Geschichte führt Isabelle Autissier beeindruckend vor Augen, wie fragil Emotionalität und zwischenmenschliche Beziehungen sein können. Zum Überleben braucht es Liebe, Vertrauen und Geborgenheit. Menschen sind abhängig von sozialen Kontakten und Geselligkeit, doch sobald es um das Überleben geht, steht der Egoismus auf dem Prüfstand.

Fazit

Es stimmt: Das Buch lässt einen lange nicht mehr los, obwohl es sich in kürzester Zeit verschlingen lässt. Mich hat es persönlich nachhaltig bewegt und eine besondere Wirkung hinterlassen. Man kann diese Lektüre tatsächlich als Extremerfahrung bezeichnen – eine Grenzerfahrung, die zum tiefgründigen Nachdenken anregt. Für mich war es nicht nur eine Abenteuerreise zusammen mit den Protagonisten an einen verlassenen Ort mitten im Nirgendwo , sondern eine Reise in das eigene Ich. Das Buch entfacht einen eigenen Widerstreit zwischen Gefühlen und Instinkten in der Not. Für mich ist es wohl eines der bemerkenswertesten Bücher, die ich 2017 gelesen habe. So habe ich es auch im Katalog von Torsten Woywod, zur weihnachtlichen Bücherflut – Jólabókaflóð nach Vorbild der isländischen Tradition, empfohlen und durfte damit einen Beitrag zu einem tollen neuen  Projekt leisten.

3 Kommentare zu „Auf dünnem Eis

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