Feuilleton

She for She

Manchmal darf man auch emanzipiert sein…

Oder auch: Die Serie Good Girls Revolt, ein Kommentar

Als ich ungefähr 6 Jahre alt war, bei einer Familienfeier, deckte meine Mutter den Tisch, während die Gäste gemütlich auf dem Sofa plauderten. Mein Vater begann ihr zu helfen, als sich meine Mutter jedoch kurz mit ihren Gästen unterhielt, schaute meine Uroma besorgt zum Kaffeetisch: Der arme Mann, jetzt muss er den Tisch ganz allein decken!

Als meine Mutter allein den Tisch deckte, schien es sie nicht zu stören, sondern sah als selbstverständlich an, da die Frau nun einmal für den Haushalt zuständig ist. Meine Oma war Jahrgang 1923 – Was diese Situation zeigt, dass Emanzipation und Gleichberechtigung noch gar nicht so alt sind.

Obwohl ich mich selbst als nicht besonders feministisch bezeichne, muss ich feststellen, dass mich das Thema in letzter Zeit häufiger beschäftigt hat und mich deshalb auch an die Situation mit einer Oma erinnern ließ.

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Schön, dass du da bist, liebe Frau, lieber Mann.

Frauenrechte – Junge Rechte

Das Gesetz, dass nicht nur Fremde, sondern auch die Ehemänner wegen Vergewaltigung angezeigt werden dürfen, feiert dieses Jahr gerade einmal 20. Geburtstag. Das Gesetz wurde erst 1997 erlassen! Vorher hieß das Urteil für den Ehemann im schlimmsten Fall Nötigung.

Bis in die 50 er Jahre besaßen Ehemänner in der BRD das sogenannte „Letztenscheidungsrecht“ in Belangen des Berufes der Frau, der Erziehung oder beim Geld. Sie konnten damit auch ihre Frauen grundlos kündigen lassen. 1994 wurde erst offiziell die Gleichstellungsklausel von Frauen und Männer (sowie von Menschen mit Behinderungen) im Grundgesetz im Artikel 3, Gleichheit vor dem Gesetz, als Absatz 2 aufgenommen. Dafür setzte sichElisabeth Selbert bereits in den 50ern politisch ein und legte einen wesentlichen Grundstein.

Manchmal sollten wir uns, gerade als Frauen, bewusst sein, dass die Gleichberechtigung zwar eine sehr positiven Entwicklung gemacht hat, aber noch sehr jung und alles andere als selbstverständlich ist. All die Errungenschaften der Gleichberechtigung der Geschlechter, die wir nun genießen können, haben wir Frauen selbstbewussten Damen der jüngsten Generationen zu verdanken.

Frauen im Journalismus

„Irgendwas mit Medien oder Kommunikation“: Diese Branchen gelten vor allem bei Frauen als beliebte Arbeitszweige. Sei es als Journalistin, Redakteurin, Moderatorin, Pressesprecherin oder hinter den Kulissen: Medien und Kommunikation sind bei Frauen beliebt. Medien sind auch für meinen Blog elementar und ich liebe es Artikel verschiedenster Art zu schreiben, weshalb auch mich die Themen Journalismus und Medien sehr ansprechen. Doch auch hier ist es noch nicht lange selbstverständlich, dass Frauen diese oben benannten Positionen bekleiden dürfen. So moderierte Wibke Bruhns beispielsweise erst 1971 als erste Nachrichtensprecherin im Westdeutschen Fernsehen.

Wie jung all diese benannten Früchte unserer Gleichberechtigung sind, verdeutlichte mir eine Serie  noch einmal ganz besonders. So geht es heute also mal nicht um Bücher,  sondern um die folgende Serie – meine Empfehlung:

Good Girls Revolt ( Amazon Prime Original-Serie)

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Good Girls Revolt – Cindy, Patti und Jane (v.l.n.r.)

Bei Amazon stolperte ich auf diese Serie, da mich das Thema Frauen im Journalismus der 60 er/ 70ern Jahre ansprach:

Good Girls Revolt spielt Ende der 60er Jahre und handelt von den Bedingungen und dem Leben der Journalistinnen einer Tageszeitung in New York. Die Stilepoche verkörpert den Höhepunkt der freien Liebe, Flowerpower und Drogen. Alles schien sich langsam zu liberalisieren. Zwar kam auch die Frauenbewegung in Schritten, doch im Journalismus und Zeitungswesen herrschen weiterhin „Tradition“ und Konservatismus. Die fiktive Zeitung News of the Week beschäftigt viele Frauen, aber nur als Rechercheurinnen. Redakteure, die Artikel veröffentlichen, dürfen nur Männer. So kommt es, dass die Mitarbeiterinnen Patti und Cindy, andere Frauen mobilisieren, um gemeinsam Klage gegen die Zeitung einzureichen. Das Verbot für Frauen, als Journalistinnen arbeiten zu dürfen, ist rechtswidrig. Später verbündet sich auch Jane, die als leitende Rechercheurin von News of the Week gilt, mit den anderen Frauen, um in einer gemeinsamen Pressekonferenz auf ihre Rechte aufmerksam zu machen.

Patti verkörpert die Moderne der Zeit: Sie liebt die Freiheit, Unabhängigkeit, Rockmusik, kurze Röcke und ab und zu einen Joint. Cindy ist verheiratet, möchte aber entgegen ihres Mannes noch keine Familie gründen. Jane ist anfangs die Konservative und hofft, bald heiraten zu können, um dann ihren Job für die Familie aufzugeben. Ihr Vorhaben gegen die Zeitung zu klagen, bedeutet für die Frauen auch gegen die Männer zu klagen, die sie bewundern und auch lieben. Außerdem bedeutet es ein Risiko einzugehen: Entweder gewinnen sie und können als Journalistinnen arbeiten, oder verlieren alles – Ihren Job und ihre Ehre.

Die Serie beschreibt den Umbruch der Zeit. Frauen arbeiteten zwar, aber oftmals sollte es keine Beschäftigung auf die Dauer sein. Sie waren nur solang tätig, bis der wahre Alltag für die Frauen begann, für den sie bestimmt sein sollten: Das Leben als Ehefrau und Mutter. Sie studierten und waren gebildet. Doch eine Frau, die Karriere der Familie vorzog, war weiterhin Tabu. Die Männer schätzten die Frauen, doch letztendlich blieben sie in ihren hierarchischen Rollen. Im Journalismus bedeutete es: Die Frauen waren hübsch und womöglich sogar Liebhaberinnen, beruflich engagiert, hilfsbereit und fleißig, aber immer Schatten des Mannes, der die Entscheidungsgewalt behielt. Frauen durften Fleißarbeit betreiben: Recherchieren und Korrektur lesen oder netterweise Kaffee kochen, aber keine Artikel schreiben und unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen.

Die Serie zog mich in ihren Bann, da es ihr gelang, zum einen den journalistischen Alltag der Zeit abzubilden, historische Zusammenhänge zu integrieren, aber vor allem auch die Situation der Frau im Allgemeinen sowie derjenigen im Journalismus im Speziellen abzubilden. Dargestellt sind zwar fiktive Personen, dennoch beruhen die Ereignisse auf wahren Begebenheiten der amerikanischen Tageszeitung News Week. Das Drehbuch der Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch der Autorin Lyn Povich, die der Gruppe von Frauen angehörte, die die Beschwerde 1970 bei der Zeitung einlegten.

Und wie steht’s mit der Emanzipation heute?

Einerseits sind Führungspositionen weiterhin in der Mehrheit von Männern besetzt. Frauen arbeiten häufiger halbtags, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Es bestehen weiterhin Diskrepanzen bei den Gehältern zwischen den Geschlechtern. Männer verdienen durchschnittlich mehr Geld für dieselbe Arbeit mit gleicher Qualifikation. Gleichberechtigung ist immer noch ein Prozess! Genau deshalb finde ich, dass sich mindestens jede Frau einmal mit der historischen Entwicklung ihrer Rechte auseinandersetzen sollte, gleiches gilt auch für Männer.

Wir sollten andererseits unsere moderne Zeit schätzen lernen, in denen Frauen und Männer allgemein gleichberechtigt sind. Wir Frauen haben es geschafft, nicht mehr nur als Dekoration angesehen zu werden, die im besten Fall gut neben ihren Männern aussehen und sonst sich um Familie und Haushalt kümmern können. Wir dürfen Karriere machen und eigene Entscheidungen treffen. Die privaten Sphären wie Haushalt und Familie sind nicht mehr nur Angelegenheiten der Frau. Das haben wir Frauen wie Lyn Povich zu verdanken!

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Ich bin froh und der Meinung trotz weiter bestehender Diskrepanzen gleichberechtigt zu sein.

Nichtsdestotrotz wurde Good Girls Revolt nach der ersten Staffel abgeschafft, obwohl sie herausragende Kritiken erhielt und als heimliche Nachfolge der Erfolgsserie Mad Man galt. Angeblich waren die Zuschauerzahlen für Amazon nicht ausreichend, obwohl diese objektiv nach Anzahl der Aufrufe passabel gewesen sein sollen, wie ich las. Es hieß, dass der Leiter der Produktionsfirma von Amazon selbst kein Fan der Serie gewesen sein soll. Da frage ich mich, weshalb es dann überhaupt zum Dreh und zur Ausstrahlung kam? Frage ist, ob es nicht auch letztendlich einen entscheidenden Einfluss gehabt habeb könnte, dass in den obersten Riegen von Amazon genauso noch keine Frau Entscheidungsträger ist? Uhnen fehlt das Interesse und: Hätte die Serie auf diesen scheinbar konservativen Zustand innerhalb eines modernen erfolgreichen Unternehmens aufmerksam machen können?

Auf jeden Fall ist es sehr enttäuschend für mich gewesen, dass es keine Fortsetzung der Serie geben soll. Sie gab mir die Möglichkeit, mehr über meine Vorgängerinnen, die selbstbewussten Karrierefrauen der 70er Jahre zu erfahren. Ich lernte mehr über die Emanzipationsbewegung innerhalb der Medien und über die Epoche der Flower Power-Zeit, in der nicht immer alles so liberal war, wie sie nach außen wirkt. Stigmata herrschten auch da. Außerdem war die Serie witzig und spannend gemacht, sodass man nicht mehr aufhören mag ubd mit den Frauen mitfiebert.

Vielleicht wirkt der Widerstand in den Sozialen Medien und Amazon oder eine andere Produktionsfirma entscheiden sich für eine Fortsetzung dieser Serie – Ich schließe mich mit diesem Artikel der „Revolte“ an: #SaveGoodGirlsRevolt. Immerhin will ich nachvollziehen können, warum Männer früher nicht allein den Tisch decken mussten, Frauen aber schon und weshalb wir Frauen ein Glück die Chancen habe, irgendetwas mit Medien zu machen!

Trailer zu Good Girls Revolt (englisch): Good Girls Revolt – Erstausstrahlung November 2015 von Dana Calvo (nach dem Buch The Good Girls Revolt von Lyn Povich, 2013)

Zusätzliche Filmtipps:

Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen

Embrace – Du bist schön! ( Regie unter anderem Nora Tschirner)

Und jetzt als Buchblog noch Tipps zu Neuerscheinungen:

Margarete Storkowski: Untenrum frei (09/2016) (Zeit-Online Artikel zum Buch)

Chimamanda Ngozie Adichie: We should all be feminists (2014) ( Review im The Guardian)

Ebbe und Blut von Luisa Stömer und Eva Wünsch (04/2017) (Rezension im Kapriziös-Blog)

Links:

Relativitätstheorie der Schönheit Artikel von mir über natürliche Schönheit

Bildquelle zu Good Girls Revolt-Banner – Ich habe keine Rechte an diesem Bild

Zeit-Online: Der Streik der Arbeitsbienen 12/2016

Die Presse: „Good Girls Revolt“ – Die Emanzipation wird abgesetzt 01/2017

jtzt.de: Straftatbestand Vergewaltigung in der Ehe 05/2017

br-online: Frauenrechte in BRD und DDR 05/2016

Bundeszentrale für Politische Bildung: Frauenbewegung (Dossier)

Rede Emma Watson: He for She (englisch) (2014)

5 Kommentare zu „She for She

  1. Hey!
    Ein wirklich schöner und informativer Beitrag, danke dafür.
    Ich hatte gar nicht auf dem Schirm, dass das quasi alles noch so neu ist, teilweise sogar erst seit 20 Jahren. Man sieht es als selbstverständlich, dabei sind ältere Generationen halt noch total anders gestrickt. Ich will damit nichts entschuldigen, aber ich glaube, das muss man halt auch auf dem Schirm haben. Trotzdem rege ich mich natürlich auf, wenn dann solche Sprüche von älteren kommen wie: Du musst so langsam mal einen Mann finden, Kinder bekommen, eine Familie gründen.
    Ich muss erst mal gar nichts. Ich komme auch gut alleine klar und muss keine Angst haben. Auch will ich nicht abhängig sein, nur weil es sich so gehört oder weil die Nachbarn sonst reden.

    Die Serie sagt mir gar nichts, schade, dass sie nicht weitergeführt wurde.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    Gefällt mir

    1. Oh ja ich bin auch überrascht, wie selbstverständlich wir einiges schon finden, obwohl das alles noch gar nicht so alt ist. Wir schimpfen gern auch immer noch über die mangelnde Gleichberechtigung. Obwohl es sicherlich noch Unterschiede gibt, so sollten wir doch stolz auf so manche jüngste Errungenschaften sein! Falls du Amazon Prime hast, empfehle ich dir die Serie in jedem Fall, auch wenn es nur eine Staffel ist…

      Gefällt 1 Person

  2. Super Einstieg mit der persönlichen Erinnerung! Auch die Serie hört sich toll an. Als Fan der Serie Mad Men (wo Frauen sogar, bis auf wenige Ausnahmen, „nur“ Sekretärinnen sind) muss ich mir das unbedingt anschauen!
    Deinem Schluss muss ich leider widersprechen. 😉 Frauen sind noch lange nicht gleichberechtigt, auch wenn sich die Situation natürlich stark von der in den 50ern, 60ern unterscheidet. Nur wenige Männer würden zb ihren Beruf für die Kinderbetreuung für länger als 2 Monate aufgeben. Von Frauen wird das selbstverständlich erwartet. Dann der Gender Pay Gap. Und nicht zuletzt die sexistische, verniedlichende Darstellung von Frauen im Kino, in der Serie und in der Literatur. Ein Grund, warum ich meinen Blog angefangen habe 😉
    Trotzdem natürlich danke für deinen Denkanstoß in deinem Beitrag und ein Kompliment für deinen Blog!
    LG, Sabine

    Gefällt 1 Person

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