Feuilleton

Grüner Daumen auf Prüfstand

Oder auch: Wie nachhaltig sind wir wirklich?

 

Was die vereiste Spree so zum Vorschein bringt.

Unserem schönen kleinen Wohnort namens Erde fügen wir Menschen leider immer noch genug Schaden zu und pumpen ihn mit Müll und Abgasen voll. Aber dennoch muss man eines feststellen: Ohne die Sache gleich vollkommen schön reden zu wollen, das Umdenken in den Köpfen findet langsam statt, zumindest empfinde ich es in Berlin so. Bio-Lebensmittel, naturbelassene Produkte oder Einkaufen mit Stoffbeuteln scheinen im Alltag angekommen. Aber reicht das oder müssen wir alle noch aktiver werden? Ich schau mir das mal genauer an, wie es so mit dem Umweltbewusstsein der Berliner aussieht. Außerdem passend dazu, mit ein bisschen Verspätung, möchte ich euch noch von meinem Messebesuch der Internationalen Grünen Woche berichten, bei der es auch viele Informationsstände zum Thema Nachhaltigkeit, Bio und Umwelt gab.
Umweltbewusstsein besteht nicht aus Plastik
In meiner Nebentätigkeit im Buchladen begegnen mir immer mehr Kunden, die auf den Kauf einer Plastiktüte verzichten, ihre eigene Stofftasche mitbringen oder konkret nach Papiertüten fragen.
Auch ich gebe mir Mühe, weitestgehend morgens einen Beutel einzupacken, damit ich beim Einkaufen auch spontan sein kann. Beziehungsweise nehme ich nun auch häufig einen Rucksack, wo immer noch kleine Besorgungen hineinpassen.

Viele Läden haben die Plastiktüte schon zu einem kostenpflichtigen Produkt werden lassen. Seien es Schuhe, Kleidung, Bücher, Kosmetik oder Bücher. An den Kassen kommt häufig die Frage: „Möchten Sie eine Plastiktüte oder geht es so? Eine Tüte kostet allerdings extra…“. Zwar denken viele, dass es mal wieder typisch kapitalistische Gier der Läden sei, um noch mehr Geld zu verdienen, doch ist es tatsächlich auch ein Ergebnis der Liebe zur Umwelt. Im April 2016 trat eine freiwillige Vereinbarung des Handelsverbandes Deutschlands in Kraft, der sich immer mehr Unternehmen anschließen. Schon jetzt sollen 60 % der Plastiktüten im Einzelhandel nur gegen Entgelt erstanden werden können, nächstes Jahr sollen 80 % erreicht werden.

Am besten, sollte man immer einen Stoffbeutel dabei haben

Es wird auch langsam Zeit. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 71 Tüten pro Jahr (Stand 2016) sind wir Deutschen zwar schon ein ganzes Stück weiter gekommen, aber Länder wie Irland oder Luxemburg zeigen uns, dass es noch besser geht. Diese kommen mit 20 Tüten pro Person im Jahr aus.

REWE hat sogar ganz und gar die Plastiktüte aus dem Sortiment genommen. Klar wird das allein für einen effektiven Umweltschutz nicht ausreichen, aber schaden kann es meinem Erachten nach nicht. So werden die Leute dazu gezwungen, über ihren Verbrauch nachzudenken. Brauche ich wirklich immer eine Tüte oder kann ich nicht doch einfach einen Stoffbeutel mitnehmen? Der Berliner würde es wohl liebevoll so ausdrücken, dass der Jutebeutel eben nicht ohne Grund so heißt, sondern eben ein „janz juter Beutel“ ist.

Das Mülltrennungsparadoxon

Das Paradox der deutschen Mülltrennung

Mülltrennung scheint allerdings eher eine kleine Herausforderung für die Großstadt zu sein. Dazu müsste es nämlich erst einmal verschiedene Müllcontainer auf den Höfen geben. Zum Beispiel bei mir im Hausblock sollen nach Ansicht der Hausverwaltung die Bewohner anscheinend ohne Papier auskommen können. Neben der gelben für Plastik und der braunen für Biomüll gibt es nur noch eine schwarze Tonne für den Rest. Da hilft auch das akribische persönliche Müll trennen nicht viel, wenn dann doch alles zusammen kommt. Das zeigt mir gleichzeitig den Widerspruch, der sich im Lebensstil Berlins öfter widerspiegelt. Es ist die Stadt, deren Prototypen als Bewohner die Ökohipster in Prenzlauer Berg und Friedrichshain bzw. die gutbürgerlichen Bioliebhaber in Charlottenburg oder Schöneberg sein sollen. Doch wenn es um Infrastruktur und Effizienz geht, scheint Berlin gern überfordert. Also trennen wir alle fleißig, schmeißen es dann zusammen in eine Tonne, um anschließend alles noch einmal zu überprüfen und zu trennen.

Kaffeebecher to bring

Beim nächsten Mal bringe ich
meinen eigenen Kaffeebecher mit.

Ein beliebtes Wegwerfprodukt in modernen Städten wie Berlin ist der Kaffeebecher. Coffee to go gehört bei den beschäftigten Mitarbeitern der vielen Start-Ups und in der Medienbranche mittlerweile zum guten Ton. Eigentlich jeder Bäcker und jedes Café bieten ihre Kaffeesorten auch „to go“ an. Nach dem Urteil der Berliner Umweltverwaltung beläuft sich der Verbrauch von Kaffeebechern auf sage und schreibe 170 Millionen Stück pro Jahr, was im Durchschnitt mehr als 48 Becher pro Person bedeutet. Ich musste schlucken bei der Zahl, da auch ich mir unterwegs ab und an gern einen guten Kaffee gönne. Umso löblicher finde ich es, dass immer mehr Cafés ihre Kunden belohnen, sobald sie ihren eigenen Kaffebehälter mitbringen. Selbst MC Café ist bei der Aktion schon eingestiegen, muss man positiv anmerken. Dennoch ist diese Initiative vereinzelter Cafés noch eher ein Kaffeetropfen auf dem heißen Berliner Stein.
Was kann man dagegen tun?

Es besteht die Idee eines baldigen Pfandsystems in den Großstädten Deutschlands. „Just swap it“ heißt das Projekt, bei dem in Berlin als Pilotprojekt rund 15 Cafés aus Kreuzberg und Neukölln teilnehmen. Dabei werden wiederverwendbare Becher in Umlauf gebracht, die pro Becher 3 € und je Deckel 1 € Pfand kosten sollen. Sie können bei allen Cafés wieder abgegeben werden, die mitmachen. Vom Prinzip her klingt es nach keiner schlechten Idee. Ob wir nun in den Cafés aus Tassen oder draußen aus Kaffeebechern trinken, die danach weiter verwendet werden, macht eigentlich gar nicht so den großen Unterschied. Doch befürchte ich, dass es schwer wird, dieses Pfandsystem in der ganzen Stadt und dann bundesweit tatsächlich durchzusetzen. Für viele Kunden wäre es womöglich zu viel Aufwand, erst recht wenn nur wenige Läden die Pfandbecher mit anbieten, zumal 4 € Pfand nicht jeder immer zusätzlich dabei hat. Wahrscheinlich ist demzufolge, dass der Verkauf von Kaffee zum Mitnehmen so stark zurück gehen könnte. Für die beteiligten Bäcker, Cafés und Coffeeshops wäre es kein luktratives Geschäft. Ich vermute, dass es für Verkäufer attraktiver ist, ihre Kunden zu belohnen, sobald sie einen eigenen Becher mitbringen. Es wäre ein Anreizsystem auf beiden Seiten. Die Läden müssten weniger Verpackungsmaterial kaufen, für die Verbraucher wiederum würde der Kauf ihres geliebten Kaffeeprodukts günstiger. Vielleicht funktioniert es dann langfristig gesehen, wie mit den Plastiktüten. In den Köpfen kommt langsam an, dass sie die Umwelt schützen sollten und nachhaltiger handeln sich lohnt. Morgens neben dem Stoffbeutel noch den Kaffeebecher einzupacken könnte dann irgendwann Alltag werden.

Der Umweltschützer in uns

Wir müssen nicht gleich alle akribische Umweltaktivisten werden, doch den Umweltschützer zumindest ein bisschen in uns zu suchen, ist sicher nicht falsch. Jeder sollte sich mal die Zeit nehmen und über sein Handeln in Bezug auf seine Umwelt nachdenken. Kann ich nachhaltiger in meinem Verbrauch von Lebensmitteln, Verpackungen und bei Aktivitäten des alltäglichen Lebens sein? Ist es nicht besser, sich einen Mehrweg Kaffeebecher zum Mitnehmen zu kaufen, als immer wieder einen Coffee-to-go aus Pappe mit Plastikdeckel zu verschwenden? Habe ich nicht noch Platz für einen Stoffbeutel in meiner Arbeitstasche?
Gern dürfen auch Politik und Stadtverwaltungen über Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein nachdenken, um in den Städten Müll zu reduzieren. Allerdings sollten jeweilige Maßnahmen und Projekte effizient sein und nicht nur das Gewissen der Umweltschützer beruhigen.

Weiterführende Links:

Die Plastiktüte kann einpacken (02/2016)
NABU: REWE verkündet verzicht auf Plastiktüten (06/2016)
rbb-Online: Nur mit Pfand auf die Hand (11/2016)

BUND: Jahresbilanz der Umweltpolitik 2016
Blog – Mein Feenstaub: 5 Tipps, wie ich im Alltag Müll vermeide

 

4 Kommentare zu „Grüner Daumen auf Prüfstand

  1. Vielen Dank liebe Jenny für diesen Tipp! Diese Art von Shops ohne Verpackungsmaterial sollte es am besten noch viel öfter geben. Ich habe bis jetzt noch nie so einen besucht, aber werde deinem Tipp auf jeden Fall mal nachgehen. 🙂
    Liebe Grüße
    Luise

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  2. Hallo Luise, ich habe mit Begeisterung diesen Beitrag zum Wandel des ökologischen Verhaltens gelesen, denn auch ich frage mich immer was kann ich besser machen. Es gibt eben immer zwischen den Extremen, der totalen Gleichgültigkeit und dem perfektionistischen Verhalten, einen großen Spielraum für das eigene Verhalten. Ich glaube es ist wichtig zu merken, wann das eigene Verhalten den eigenen Werten widerspricht. Dein Beitrag hilft dabei kurz inne zu halten und sich zu fragen, verhalte ich mich eigentlich so wie ich es von mir selbst erwarte. Danke dafür! 🙂
    Liebe Grüße
    Nico

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  3. Lieber Nico,
    vielen Dank für dein Feedback und deine nachhaltigen Gedanken :-)! Du sprichst einen wichtigen Punkt an. Wir sollten viel öfter darüber nachdenken, wie umweltbewusst wir uns wirklich verhalten und was wir noch verbessern können. Nur leider ist das mit dem Umweltbewusstsein oft wie mit dem Wählen gehen. Viele glauben, dass sie ja als kleine Person eh nicht recht was bewirken können, weshalb sie es ganz und gar lassen. Doch plus und plus ergibt nun mal letztendlich wieder plus. Wieso also nicht alle klein anfangen und zusammen Großes bewegen? 😉 Ich hoffe also auch, dass noch ein paar so denken wie wir und so mit ein paar wenigen Handgriffen mehr Leute mehr Müll vermeiden, nachhaltig durch das Leben gehen und so alle zusammen auch unsere Umwelt schützen.
    Liebe Grüße Luise

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