Feuilleton

Es war einmal Berlin…


„Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin“

Aussicht vom Klunkerkranich,
Neukölln

Verrückt ist, dass ich fast schon ein Jahr lang in Berlin wohne. Verrückt ist auch, dass man glaubt, schon viel über die Verrücktheit der Stadt und ihrer Bewohner gehört zu haben. Man glaubt, sich bereits ein Bild machen zu können, bevor man herzieht. Doch sobald die Stadt einem tagtäglich begegnet, muss man immer wieder schmunzeln und genauso oft mit dem Kopf schütteln, da man sie gefühlt überhaupt nicht kennt. Sie überrascht einen immer wieder und zwar mit ihrer Verrücktheit. Dennoch, hier herzuziehen, war für mich eine der besten Entscheidungen, die ich im letzten Jahr getroffen habe.


Berlin – ein Märchen?

„Berlin ist das Aschenputtel unter Europas Hauptstädten und doch will jeder dorthin“, ein Zitat von Peter Schneider aus seinem Buch über Berlin: „An der Schönheit kann’s nicht liegen.“ Der Titel verrät schon, in welche Richtung es geht und das benannte Zitat unterstreicht es noch umso mehr. Der Autor versucht wie so mancher zu verstehen, warum Berlin so beliebt ist. Auch diejenigen, mich eingeschlossen, die hier wohnen und die Stadt mögen, fragen sich wohl manchmal:

Buchempfehlung:
An der Schönheit kann’s nicht liegen,
Peter Schneider

„Warum eigentlich? Warum gerade Berlin?“

Berlin – Die Stadt ist groß, unübersichtlich, laut und mit vielen dreckigen und auch verarmten Ecken. Bei all den Künstlern und Freischaffenden wimmelt es außerdem nur so von „Verrückten“. Den Vergleich mit Aschenputtel finde ich allerdings sehr schön, weil er so treffend ist und mir die Antwort auf die Frage des „Warum eigentlich?“ geben könnte. Daher dachte ich mir, den Vergleich mal etwas weiterzuspinnen und auszubauen:

An der Schönheit kann’s nicht liegen

Die gelebte Geschichte Berlins:
Berliner Mauer 1961-1989


Warum könnte Berlin also das Aschenputtel unter den Hauptstädten Europas sein? Aschenputtel und Berlin haben das Dreckige und scheinbar Verlumpte in ihren Charakteristika gemeinsam. Sie sind von schweren Schicksalen getroffen und dabei unverschuldet in die jeweilige Situation geraten. Aschenputtels Mutter starb in frühen Jahren. Die neue Frau des Vaters lässt sie schwer arbeiten und neben der Asche schlafen.
Berlin ist nicht besonders wohlhabend. Es wurde durch Kriege geprägt, nicht nur durch den 1. und 2. Weltkrieg, sondern vor allem auch durch den kalten Krieg. Bauten wurden zu Lasten dieser Geschichte viele Jahre nicht restauriert, insbesondere im östlichen Teil. Nach dem Bau der Mauer 1961 war Geschichte in Berlin täglich unmittelbar sichtbar. Die Mauer trennte die Stadt in den westlichen und östlichen Teil. 40 Jahre koexistierten Menschen in der Welt zweier konträrer politischer Systeme, aber mit demselben Ursprungsland und wohl ähnlichen Wünschen und Hoffnungen, nebeneinander. Eine Gemeinsamkeit war der Wunsch nach Freiheit.
In den 90ern galt die Stadt als eine einzige Baustelle. Die Mitte wurde künstlich nach dem Mauerfall belebt. Von der Mauer ist nicht mehr viel übrig außer das erhaltene Stück an der Warschauer Str., die berühmte „Eastside – Gallery“. Streng genommen ist es gar nicht „die Original-Mauer“, sondern die Hinterlandmauer. Die Graffitis wurden erst nach der Wende als Künstlerprojekt angesprayt. Die Hinterlandmauer begrenzte im östlichen Teil und sollte die Flucht erschweren. Hier begann sozusagen der sogenannte Todesstreifen. Menschen, die aus der DDR flüchten wollten, mussten also zwei Mauern und ein perfides Sicherheitssystem überwinden. Graffitis sprühen durften sie erst recht nicht. Das konnten nur die Bewohner Westberlins. Von der eigentlichen Mauer sind nur noch vereinzelte Bruchstücke existent, die in der ganzen Welt verstreut sind.

Die stetige Unfertigkeit der Stadt macht sie meiner Meinung nach gerade so interessant. Berlin unterlag immer einem Wandel. Berlin könnte mit seiner Geschichte ein eigenes Lehrbuch füllen und scheint oft nicht nur Teil, sondern eine ganz eigene Geschichte zu sein.

Berlins innere Schönheit

Die natürliche Schönheit Berlins,
Tiergarten


Für mich ist es eben doch gerade die Schönheit, die Berlin so attraktiv macht. Es ist die innere natürliche Schönheit, die auch Aschenputtel hatte. Sie überzeugte mit ihrer Sympathie und Warmherzigkeit sowohl die Belegschaft Ihres Hauses (von der Stiefmutter und den Töchtern mal abgesehen) als auch schließlich den Prinzen. Ihren Charakter hat sie in der Zeit als Magd nicht verloren. Auch Berlin hat sein Herz durch die Kriege nicht verloren, sondern im Gegenteil: Die Geschichte schien die Stadt zu stärken und ihr ihre Individualität und den Eigensinn aus eben diesem Wandel gegeben zu haben. Die Luft von Unbeschwertheit und Freiheit hat letztendlich nicht aufgehört zu wehen, trotz der Schwermut der heißen und kalten Kriege. Ich denke, dass es diese Freiheit ist, die der Stadt und den Bewohnern die Luft zu atmen gibt. Trotz Dreck, was vielleicht auch mal in der Luft sich mitmischt, ist es das, was Berlin und zwar auch den verschiedensten Schlag von Menschen anzieht. Jeder mit seinen noch so bizarren Interessen und Vorlieben, auch sexuellen Vorlieben, findet in Berlin Gleichgesinnte und seinen Platz. Durch den stetigen Wandel der Stadt bekommt man den Eindruck, Berlin mitgestalten zu können. Es bleibt nicht still, sondern bietet immer wieder Neues zu entdecken.

Früher eine hippe Bar,
heute ein edles Restaurant
Paris Bar Kantstr.

Rund um den Savignyplatz tummelte sich in den 60er-80er Jahren alles, was Rang und Namen hatte oder mal einen haben wollte. Hier waren die berühmt berüchtigten Bars und Partys der Studierenden, Künstler und Freischaffenden. Wer heute an Charlottenburg denkt, hat mehr ein Bild von edlen Restaurants und zwar auch Menschen mit Rang und Namen im Kopf, aber weniger die Freischaffenden, sondern eher die wohlhabende Crème de la Crème. Es hat auch manchmal gar zu einen versnobten Ruf. Sobald ein Viertel in Berlin bekannt wird, treibt es die jungen Leute und Künstler in ein neues, unbekanntes und ärmeres Viertel, um es zum Leben zu erwecken. Dieser ewige Kreislauf gibt der Stadt aber wieder ihren Charakter, das prägende wandelhalfte Bild. In Paris gibt es das Montmartre als ewiges Künstlerviertel, in New York zieht es die jungen „Verrückten“ nach Brooklyn, in London gibt es die alternativen Märkte in Camden-Town. Berlin scheint mehr in Bewegung. So wie Berlin durch seine Geschichte Veränderungen unterlag, so bleibt es das auch in seiner Zukunft veränderbar. Der Unterschied, wie es auch Peter Schneider in seinem Buch treffend beschreibt, ist allerdings, dass die Stadt nun eine wirkliche Zukunft hat. Vor dem Berliner Mauerfall schienen viele Menschen keine wirkliche Zukunft der Stadt zu sehen, schon gar nicht die Zukunft einer vereinten Stadt. Heute sprüht Berlin gerade zu so vor Zukunft und das nun für die Jüngeren nicht mehr in Charlottenburg, sondern eher in Prenzlauerberg, Friedrichshain oder Neukölln. Ist bald Marzahn das neue Künstler- und junge Viertel?

Berlins Happy End – die Zukunft

Das beweist auch die Start-Up Szene. Menschen, die „irgendwas mit Medien oder im Creative Bereich“ machen, zieht es nach Berlin und sie haben die Stadt zu ihrer Hochburg gemacht. Berlin ist in Deutschland die Nummer 1 der Start-Up-Dichte. Im Vergleich zur anderen Start-Up-Metropole London besticht Berlin durch seine Preise in den Internet-Services und durch die bessere Geschlechterverteilung. Scheinbar haben viele jungen Menschen den Eindruck, sich in Berlin am besten verwirklichen zu können, egal wer man ist.

Eine andere Szene hingegen, die gleichermaßen auch zu Berlin gehört, ist die Obdachlosenszene. Denn wir sind nun mal im Aschenputtel der Großstädte Europas.
Eine Freundin von mir traf es für mich im Kern, als sie meinte: „Wäre ich Obdachloser, würde ich auch nach Berlin gehen“. Sie finden hier Gleichgesinnte. Im Winter gibt es sogar Notrufstellen, bei denen man melden kann, wenn man bei Minusgraden Obdachlose irgendwo draußen in der Kälte liegen sieht, um sie vor dem Erfrieren zu bewahren. Bei den Wahlen des Abgeordnetenhauses in Berlin gab es sogar die Initiative, dass Obdachlose ohne festen Wohnsitz oder Papiere wählen konnten. Es existiert regelrecht ein etabliertes Netzwerk der Obdachlosen.
Die Armut gehört zu Berlin, jedenfalls diese äußerliche, so wie sie zu Aschenputtel gehörte. Doch Berlin hat seinen Charme und gerade bei jungen Leuten gewinnt es wiederum an Attraktivität, weil die Lebenshaltungskosten erschwinglich sind. Berlin ist im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten und erst recht gegenüber den anderen Hauptstädten Europas bezahlbar.

Alles andere als spießbürgerlich,
Die Revaler Str. Friedrichshain

Aschenputtel ist ein Märchen und hat deshalb in der Erzählung ein Happy End und seinen Prinzen verdient. Berlin hat neben all der leidvollen Geschichte auch viel Glück gehabt. Die Stadt verdiente also auch ein Happy End, was lange Zeit als unmöglich galt. Die Stadt verdiente eine Zukunft. Möglicherweise zieht sie deshalb all diejenigen Freischaffenden, Künstler und jungen Leute an, die auch ihre Zukunft und ihr persönliches Happy End noch suchen.
Eine unfertige Stadt lädt dazu ein, sich selbst vor Ort erst zu vervollständigen.

Mein Märchen

Mich zieht die Stadt genauso an. Sie passt zu meinem noch unfertigen Leben. Ich habe tatsächlich das Gefühl, mich hier verwirklichen zu können. Da nimmt man auch den steigenden Wohnraummangel in Kauf. Ich kann mich dahingehend mit Aschenputtel identifizieren, da ich nicht das klassische Klientel Charlottenburgs bin und trotzdem da wohne.

Auf zu neuen Streifzügen
durch Berlin

„Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin“ ist ein bekannter Spruch über Berlin. Das weiß ich zwar nun nicht, ob ich das zu meinen Charaktereigenschaften zählen kann, aber die Verrücktheit der Stadt tut mir gerade ganz gut. Wenn mir Charlottenburg etwas zu spießbürgerlich wird, kann ich ja andere Viertel entdecken. Sie wandeln sich. Berlin wandelt sich. Die Berliner Mentalität und Atmosphäre der Stadt bekommt man erst so richtig mit, sobald man sie bewohnt. Ich kann dennoch noch lange nicht behaupten, diese Stadt wirklich zu kennen. Mit google maps geöffnet auf dem Handy und mit Respekt vor jeder Straße und Kreuzung laufe ich nun allerdings nicht mehr (ok selten) durch die Straßen.  Ich habe mich in meinem letzten Beitrag gefragt, wann ich mich Berlinerin nennen darf. Ich komme zu dem Schluss, dass ich erst einmal vielmehr Bewohnerin dieser Metropole bin. Also auf zu neuen Streifzügen durch Berlin, auf zu (m)einem „Vier Jahreszeiten Märchen“ namens Berlin?

Was fasziniert euch persönlich an Berlin? Was meint ihr, macht die Stadt aus, oder ist es für euch alles andere als ein Märchen? Ich freue mich über eure Geschichten und Streifzüge aus der verrückten Stadt!

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute in Berlin mit Zukunft – HAPPY ENDING-

Quellenangaben und weiterführende Literatur:

Peter Schneider: An der Schönheit kann’s nicht liegen. Porträt einer ewigen unfertigen Stadt, Köln 2015.
Aschenputtel Märchen
Luise blättert auf: Berlins Eigenzigartigkeiten
Luise blättert auf: Im Recall…
Luise blättert auf: Ich bin eine Berlinerin
Berlin ick liebe dir: Neuberliner
Die Geschichte der Berliner Mauer
BZ-Berlin: Aufbau des Todesstreifens in Berlin
Gründerszene: Berlin London Start-Up Vergleich
Deutschlandradiokultur, Clemens Hoffmann: Berliner Kantstr. (10/2016)
Tagesspiegel-Online: Stimmen von der Straße (08/2016).
Top 5 Berlin Zitate

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s