Feuilleton

Ich bin eine Berlinerin

oder auch, Berlin ist nicht gleich Berlin

Na gut manchmal
Berlinerin und Touri gleichzeitig

Nachdem ich standhaft zwei Monate auf einen Termin für die Ummeldung meines Wohnsitzes gewartet habe, darf ich mich endlich Berlinerin nennen. Die Wartezeit von zwei Monaten meine ich allerdings nicht insgesamt, sondern nachdem ich endlich jemand im Bürgerbüro telefonisch erreicht hatte, zwei Wochen später noch einmal auf meine Dringlichkeit insistiert habe und ich flexibel dafür zu jedem Bezirksamt Berlins gefahren wäre. Im Durchschnitt hatte ich schon Glück. Hätte ich noch einen Mann am Telefon gehabt und geflirtet, was das Zeug hält, wäre es mir womöglich wie einem Freund von mir schon am nächsten Tag gelungen. Aber das ist eine Chance von ungefähr 1: 3.496.293, der aktuellen Einwohnerzahl, in Berlin. ( Er musste nicht mal flirten. Vielleicht ist auch nur ein Termin frei geworden, aber ich vermute, dass ich hätte flirten müssen. ;-))

Berlinerin sagen zu können, macht mich stolz  – „Ey ick bin Berlinerin“. In meinen Ohren klingt es schön und mit dem Berliner Dialekt auch irgendwie lässig. Für viele Ohren, die vor allem nicht in Berlin wohnen, hört es sich wahrscheinlich eher nicht so lässig oder hip an sondern wenn noch eher nach Hipster. Damit kann ich jedoch leben.

Wenn mich ein Touri hilflos fragt, ob ich mich denn auskenne und ich erst mal hilflos antworte: hm, kommt drauf an und ihm dann tatsächlich helfen kann, dann springe ich innerlich grinsend  bis zur Spitze des Fernsehturms hoch und wieder zurück.

Am romantischen Savignyplatz in Charlottenburg

Sobald man die Stadt mehr zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkundet, stellt man schnell fest, dass vieles gar nicht so weitläufig ist, wie es beim ersten Eindruck scheint. Auch das Ring-, S- und U-Bahn-System ist gar nicht so kompliziert, sobald man sich erst einmal durchgefuchst hat. Man gewinnt mehr und mehr einen Überblick, wenn man hier länger als einen Drei-Tage-Trip in der Stadt verbringt. Ich bin sogar immer wieder erstaunt, wie viele Viertel und Ecken ineinander übergehen. Es fügt sich ein einheitliches Bild in mir zusammen. Zwar unterschätze ich, oder gerade deswegen, immer noch gern Distanzen. Ich denke dann nicht daran, die häufig notwendigen Fußwege von 10-15 Minuten von der U-Bahn-Haltestelle zum Zielort einzurechnen oder dass eine Fahrt mit der U-Bahn doch schnell mal 30 bis 40 Minuten dauern kann. Nicht zuletzt bedeuten 30 bis 40 Minuten in Berlin kurze Strecken.
Trotzdem bin ich entspannter geworden, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Ich gehe nicht mehr durch die Stadt mit diesem Tunnelblick: „Ah wo muss ich hin? Wo ist die nächste U-Bahnhaltestelle, um das Risiko zu verringern, sich zu verlaufen? Ich öffne am besten erst einmal Google Maps.“ Sondern ich kann schon mehr mit offenen Augen die Stadt entdecken und Kleinigkeiten wahrnehmen.

Was mir dabei besonders auffällt, ist, dass Berlin nicht gleich Berlin sein muss:
Ein Indiz dafür, dass ich schon ein wenig Berlinerin werde, ist, dass ich gern in dem Berlin bin, dass man erstmal für sich entdecken muss. Es ist das Berliner Leben, was in den Vierteln stattfindet. Es sind die Teile der Stadt, die Außenstehende vermutlich als das hippe Hipster-Berlin bezeichnen würden. Die Straßen sind enger und man kann sich in den kleinen Gassen und Alleen entfliehen. Es gibt viele Cafés und Läden, die von den Leuten ein Selbstverwirklichungsprojekt zu sein scheinen.

… das hippe „Hipster“ –
Friedrichshain an der
Simon-Dach-Straße

Trotzdem hat jedes Viertel seine Besonderheiten und einen individuellen Charakter. Ein Kreuzberg ist kein Neukoelln, letzteres strebt aber mindestens genauso mit seiner kulturellen und künstlerischen Szene auf. Ein Friedrichshain ist vielleicht weniger edel als
das Charlottenburg am Savignyplatz, aber Gegenden wie die Simon-Dach-Straße, Revaler Straße und der Boxhagener Platz sprechen allein schon für sich. Für den ein oder anderen ist es die Sprache der Hipster-Berliner, die sich auch im Prenzlauerberg wohlfühlen sollen. Für manche ist wiederum Moabit oder Wedding der einzig wahre Kiez und oft noch eine günstigere Alternative im Viertelvergleich. Damit habe ich nur einige wenige aufgezählt, auch Schöneberg, Friedenau, Reinickendorf, Steglitz, Pankow oder Lichtenberg u.v.m. haben auch so ihren eigenen Charme.

Dann gibt es noch das Berlin in einem Radius von nur wenigen Quadratkilometern. Es ist das Berlin, vom Berliner Hauptbahnhof über den Bundestag am Reichstagsufer entlang auf die Friedrichstraße zum Brandenburger Tor, über die Straße Unter den Linden drüber zum Alexanderplatz oder an der Straße des 17. Juni entlang zur Siegessäule bis hin zum Potsdamer Platz – Es ist das touristische Berlin, das geschichtsträchtige Berlin, das berühmte Berlin. Es ist das Zentrum mit breiten Straßen, ein Einkaufcenter gedrängt an das andere, historische Monumente in Hülle und Fülle sowie eine politische einflussreiche Institution neben der anderen. Von der Siegessäule hinunter schauend, wirkt es in der Miniaturenansicht wie ein Museum, indem man auch schnell mal von Raum zu Raum mehrere Jahrhunderte in einer Stunde durchlaufen kann. Es ist eine imposante Skyline mit alten und neuen Wunderwerken.  Wenn ich mit dem Rad durchfahre, fühle mich wie in einem Reisebus in der Berliner Innenstadt und als wäre alles wie bei einer jüngst mit negativen Schlagzeilen besetzten RTL-Serie gestellt. (#verafake)
Wie ich mir manchmal vorkomme? Als hätten sich die Konstrukteure der Bauten über mehrere Jahrhunderte was dabei gedacht und sich abgesprochen, alles dicht an dich zu setzen. „Hm, setzen wir mal den Fernsehturm nicht weit entfernt vom Berliner Dom mit seiner historischen goldenen Kuppel und irgendwo da in dem Umkreis auch das Brandenburger Tor, was bestimmt mal noch als Sinnbild des politischen Umbruchs wird.“ Alles sollte also ganz nah bei einander sein, damit man mit dem Reisebus im 21. Jahrhundert eine gemütliche Tour machen kann.

Skyline Berlins

Manchmal habe ich auch den Eindruck in einem Videospiel zu sein, in dem alles realistisch in Originalgröße abgebildet wurde.
So sehr ich es mir gern selbst anschaue, weil ich selbst fasziniert bin, was hier auf den wenigen Kilometern geschichtlich und kulturell geschehen und geboten wird, es ist nicht das „reale“ Berlin. Es fühlt sich alles sehr riesig und breit an. Was das Publikum angeht, fühlt man sich auch manchmal wie in einer RTL oder RTL2 Serie, in denen man Touristen als Berliner abbildet und bei Primark shoppen am Alexanderplatz oder täglich am Mauerpark mit einem Starbucks-Caramel-Macchiato mit extra Sahne relaxen wird einem als das Berliner Leben verkauft.

 

Cafés und Läden als Selbstverwirklichung,
hier das: „Kuchenrausch“ in Friedrichshain

Ich empfehle daher jedem, der sich mehr als drei Tage Zeit für Berlin nehmen kann, sich zwar auch die vielen schönen Bauten und Gedenkstätten anzuschauen und ganz im Sinne einer klassischen Touristentour alles zu bestaunen. Anstatt allerdings zu Primark zu gehen und vielleicht im dritten Starbucks das liebevolle Geld für die nächste teure Kalorienbombe buchstäblich aus dem (Schau)fenster zu werfen, sollte man die Viertel drum herum besuchen und ausprobieren. Jeder Kiez für sich ist eine kleine Reise wert und lädt zum Verweilen unter Bäumen, auf Wiesen und in den kleinen hippen ( bis Hipster-) Cafés ein.

Bis dahin, eure Berlinerin!

Weiterführende Links:
Berlins Eigen(zig)artigkeiten
Im Recall…
10 Berlin-Tipps aus Sicht eines Neuberliners
360.berlin – Mehr über Prenzlauerberg, F-Hain, Kreuzberg, Mitte und Charlottenburg

Ein Kommentar zu „Ich bin eine Berlinerin

  1. Es wird wohl kaum der Grund für die „Konstrukteure“ gewesen sein, aber aufgrund der breiten Straßen war Berlin meines Wissens nach die einzige Stadt in Deutschland, in der Arthur Harris' Bomber keinen Feuersturm entfachen konnten.

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