Feuilleton

Ein Experiment

Kann Integration funktionieren?

Angst vor der Flüchtlingswelle?

Es ist ein sensibles Thema, weshalb ich lange gezögert habe, ob ich es in meinem Blog thematisiere. Es ist das Thema rund um den plakativen beliebten Satzanfang: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“

Eine interessante Aussage die ich neulich las, inspirierte mich dann zu einem Experiment: Es ist die Aussage, dass derjenige Teil in einem Satz, der vor einem ‚aber‘ steht, beruhigt zu vernachlässigen sei. Sie bringt für mich unsere derzeitige gesellschaftliche Grundstimmung in Deutschland perfekt auf den Punkt. Denn so beunruhigend es auch ist, aber spätestens nach den letzten Wahlergebnissen von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ist klar, dass sich ein für meinen Geschmack zu hoher, bereits schon repräsentativer Anteil der Bevölkerung für die AfD entschieden hat. Meiner Meinung nach gelang der Partei die Überzeugungsleistung vor allen Dingen deshalb, weil sie geschickt mit ihren Parolen die Ängste der Leute schürt. Diese Ängste werden unter anderem umschrieben mit: Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…

Ich wollte diesen Ausdruck deshalb einmal genauer unter die Lupe nehmen. Was hat es damit auf sich? Meiner Meinung nach widerspricht der Teil des Satzes relativ sicher dem anderen, der darauf folgt. Warum solche Sätze oft so wenig überzeugend wirken, ist, dass der erste Teil des Satzes Konventionen der Gesellschaft befriedigen soll.  „Ich habe ja nichts gegen Ausländer“. Dann wird es unmittelbar relativiert. Denn es folgen im zweiten Teil Aussagen, die  ihren eigentlichen Gefühlen entsprechen, „aber“… Und genau hier beginnt mein Experiment.
Die derzeitigen Diskussionen sind gerade nur so geladen von Emotionen, Ängsten und Kritik. Mein Selbstversuch ist dahingehend derjenige, sich dem Thema mit der Negativformel zu nähern.

„Ich habe was gegen Ausländer, ABER bis jetzt hat mir noch keiner direkt den Arbeitsplatz weggenommen.“ Warum glauben so viele, dass gerade Ausländer ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen? Ist es nicht eine Frage der Qualifikationen und Kompetenzen, die eine Person mitbringt? Bis jetzt habe ich noch von keiner Flüchtlingsquote gehört. Im Gegenteil, häufig haben auch die Arbeitgeber Vorurteile. Das führt dazu, dass die Unternehmen keine Ausländer einstellen. Es wird ihnen nicht mal die Chance gegeben, sich zu beweisen. Falls ein Ausländer also die Chance erhält, den Arbeitsplatz ‚wegzunehmen‘, hatte er wahrscheinlich auch überzeugende Qualifikationen, mehr Berufserfahrung oder spezielle Fähigkeiten für die Arbeitsstelle. So einfach vorurteilsfrei stellen viele nicht ein.

„Ich habe was gegen Ausländer und gegen ihre anderen Kulturbräuche. ABER im Urlaub lerne ich doch eigentlich auch ganz gern andere Kulturen kennen.“ Warum scheint es uns in unserer vertrauten Umgebung unbehaglicher mit fremden Kulturen umzugehen oder andere Traditionen kennen zu lernen? Im Urlaub lieben die Leute fremde kulinarische Spezialitäten, Kulturen und Bräuche. Oft hört man sogar, dass sie die Bewohner der Länder als gastfreundlich und offenherzig bezeichnen.
Ich weiß was nun eine Reaktion sein könnte: „Ja ABER ich begegne vielen Ausländern und Flüchtlingen in Deutschland, die unfreundlich sind, nicht grüßen und sich nicht an unsere Konventionen halten.“ Stimmt vielleicht. Auch ich kenne solche natürlich, aber auch mindestens genauso viele Deutsche begegnen mir fast täglich, die unfreundlich, aufdringlich oder nervig redebedürftig sind. Warum also bei den Ausländern pauschalisieren?

„Ich habe was gegen Flüchtlinge, ABER sie sind eigentlich nur fremd, weil sie nicht dem  Vertrauten entsprechen.“
Als Menschen grenzen wir uns gern ab. Deshalb unterscheiden wir in das ‚Wir‘ und das Nicht-‚Wir‘ – in das Fremde. Es hilft uns, uns zu verstehen und zu definieren. Gerade das Wir-Gefühl entsteht oft nur dadurch, indem wir uns abgrenzen von anderen Gruppen. Daran erkennen wir, was uns einzigartig werden lässt. Wer sind also wir Deutschen überhaupt? Anstatt uns abzuschotten, sollten wir vielleicht lieber mal fragen, am besten ‚den Ausländer‘ oder ‚den Flüchtling? Wer sind wir und die anderen? Warum erscheinen ‚die anderen‘ uns so unbehaglich fremd? Ein grandioser You-Tube Beitrag, den ich empfehlen möchte ist von Firas Alshater – und sein Projekt „Zukar“. Er räumt mit Witz und Humor mit Vorurteilen auf. Er vermittelt, dass Integration nicht unmöglich ist auch nicht mit uns scheinbar so verschrobenen Deutschen 😀 – Er startete auch ein Experiment auf dem Alexanderplatz in Berlin. Mit verbundenen Augen und einem Schild, auf dem stand, man solle ihn umarmen, wenn man ihm vertraut, genauso wie er uns Vertrauen entgegen bringt, wartete er. Achtung Spoiler: Er wartete eine Weile, aber ein paar Vorurteile wurden doch verworfen.  Wer sind diese Deutschen? „Ich habe was gegen Flüchtlinge und dass es ihnen viel besser geht als mir. Die sollen sich mal nicht so haben. Sie bekommen sogar noch das neuste Smartphone. Da kann es ihnen gar nicht so schlecht gehen.
ABER fühlen wir uns nur wohl in Deutschland, weil wir uns das neuste Smartphone leisten können?“ Ist es nicht auch das Gefühl, dass wir nicht in stetiger Angst leben müssen, wenn wir unsere Meinung äußern? Wir dürfen uns nach unseren Vorstellungen entfalten und selbständig Entscheidungen unseres Lebens treffen. Deutschland  hat eine funktionierende Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversorgung, die gewährleistet, dass prinzipiell niemand obdachlos sein muss. Der Staat fängt im Zweifel jeden auf, gerade wenn er in eine unverschuldete Notsituation gerät. Darum fühle ich mich so wohl in Deutschland. Müsste ich fliehen und bekäme in einem fremden Land ein Smartphone gestellt , um meine Familie und Freunde zu informieren, dass es mir gut geht, würde ich mich persönlich offen gestanden auch nicht sträuben.

Kann Integration funktionieren?

„Ich habe was gegen Flüchtlinge und dass sie sich nicht integrieren, ABER bieten wir ihnen überhaupt die Möglichkeiten?“ Sobald jemand in Deutschland als Geflüchteter aufgenommen wird, darf er weder arbeiten, noch sich frei in ganz Deutschland bewegen. Er muss erst einmal Asyl beantragen und ist gezwungen das langwierige Aufnahmeverfahren abzuwarten. Er darf sich nur in einem bestimmten Radius aufhalten, abhängig von der Erstunterkunft, der er durch den Königssteiner Schlüssel zugewiesen worden ist. Er muss ’schmarotzen‘, da er gar keine andere Wahl hat als zu warten. Den Arbeitsplatz ‚wegnehmen‘ kann er wegen des Arbeitsverbotes gar nicht.

Sollten wir also endlich beginnen über eine konstruktive Integration nachzudenken? Sollten wir die Flüchtlinge und Migranten bewusst integrieren und das derzeitige Problem zu einem Lösungsansatz umwandeln?Wir sollten jedenfalls uns nicht mehr in gesellschaftspolitische leere Konventionen hüllen wie „ich habe nichts gegen Ausländer.“ Sie führen letztendlich zu einem ABER.

Ängste sollten ernst genommen werden, aber nicht weiter geschürt und mit einem Gefühl von Sicherheit entgegnet werden. Vor allen Dingen sollte aber reagiert werden mit politischen Standards, schnelleren Asylverfahren und einer bewussten Migrationspolitik. Denn es gewährleistet gleichzeitig mehr Transparenz.

Eine konstruktive Einwanderungspolitik wäre ein Lösungsansatz. Die Beantragung von Asyl ist häufig nur eine Folge, da sie als der einzige Weg für die Migranten scheint, nicht abgeschoben zu werden. Aber das kann kein Dauerzustand sein!  Sobald demnach die Möglichkeit bestünde, auch aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland einzuwandern und eine Arbeit in Anspruch zu nehmen bei passender Qualifikation, geht auch die Illegalität zurück. Deutschland könnte außerdem von den Fachkräften profitieren. Mit genauen Richtlinien kann festgelegt werden, welche Berufe gebraucht werden und welche Voraussetzungen mitzubringen sind wie zum Beispiel Sprachkenntnisse oder ein gutes Führungszeugnis. Ländern wie Kanada und Australien gelingt das System bereits.

Eine Grenzschließung wird in der derzeitigen Debatte von Skeptikern als einzige notwendige Konsequenz genannt.  Doch bedeutet es meiner Ansicht nach die Symptome aber nicht die wesentlichen Ursachen anzugehen. Wir Deutschen haben das Glück in einem friedlichen Land zu leben, das uns nicht zwingt zu fliehen. Und nein, dass es uns gut geht, haben wir nicht uns allein zu verdanken. Wir haben das Glück, in ein System hineingeboren zu sein, das ein Rechtstaat ist, in dem wir unsere Meinung frei äußern können und einen angemessen Lebenstandard führen dürfen.

Wie Firas Alshater auch sagt: Wir können das schaffen mit der Integration. Zeigen wir, wie weltoffen Deutschland ist und wie man mit bewussten konstruktiven Regeln und Gesetzen, eine funktionierende Integration erreichen kann. Bernhard Hoecker zeigt in seinem Experiment anschaulich, warum wir vor einer oft so befürchteten Flüchtlingswelle gar nicht so eine Angst haben brauchen. Bernhard Hoecker und die ‚Flüchtlingswelle‘
Dazu muss ich sagen: Ich wurde jedenfalls bis jetzt noch nicht von einer Flüchtlingswelle überrollt, ihr?

Anmerkung: ich habe bewusst dieses Mal bei Fotos auf „weniger ist mehr“ gesetzt. Es ist ein ernstes und wichtiges Thema. Da fand ich, dass die Worte für sich wirken sollten.Deshalb entschuldige ich mich auch, dass der Text etwas länger wurde, aber das wollte ich gern einmal gesagt haben.

Quellenangaben:
Zitat: „Alles was in einem Satz vor dem Wort ‚aber‘ kommt, ist zu vernachlässigen.“ Zitat, Michael Nast – Offizielle Facebooseite
Weitere Quellen im Text

5 Kommentare zu „Ein Experiment

  1. Tja wenn man seine eigene Ideologie nur umkehrt kann nichts dabei herauskommen.

    Das Arbeitsverbot z.B. gibt es ja nicht weil die Flüchtlinge nicht arbeiten sollen sondern weil Sie dann hemmungslos ausgebeutet werden. Wer glaubt das so was kontrolliert werden kann dem empfehle ich mal einen Blick hinter die Kulissen eines beliebigen spanischen/italienischen oder sonstigem von „Ex-Migranten“ geführten Restaurants.

    Dann das absurde Argument mit der Qualifikation. Alles was qualifiziert und ausreisewillig ist arbeitet doch längst „im Westen“. Das ist eine simple Marktfunktion. Nur eben nicht in Old Germany. Hier beträgt die Abgabenlast 60-75%. Das spricht sich in Kreisen die nicht von deutscher Mainstream Presse „beglückt“ werden schnell herum. Deutschland ist nur für diejenigen Interessant die hier Freunde oder Familie haben oder in das soziale Netz einwandern wollen. Als Newcomer mit einer Qualifikation gibt es bessere Möglichkeiten (von der Sprache gar nicht zu reden).

    Warum der Neueinwanderer seine Eltern im Herkunftsland versorgen soll und zusätzlich die Rentner sollte mir auch mal jemand erklären.

    Drehen Sie doch mal diese Fakten sprachlich korrekt um.

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  2. Danke für den Hinweis. Da hat sich ein Wortfehler bei mir eingeschlichen. Aber es hat natürlich mit der Stadt gar nichts zu tun, es ist weder nach Königsberg oder nach dem heutigen Namen Kalingrad benannt. Das Abkommen wurde in Königstein im Taunus Hessen unterzeichnet!

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