Feuilleton

Ein Nachruf an…

…an alles ein bisschen

Ein Nachruf an uns, sich der
Umwelt bewusster zu widmen

In den letzten Wochen ist der Welt gefühlt ein wesentlicher Prozentsatz an Intelligenz, Humor, Kreativität und musikalischer Genialität verloren gegangen – oder es wird einfach vielmehr deutlich, was der Welt schon lang fehlt –

ich möchte einen Nachruf aufgeben,
einen Nachruf an die Ikonen unserer Zeit und auch an uns, das Lebenswerk bedeutender Personen nicht erst dann zu würdigen, wenn es zu spät scheint. Es ist damit auch ein Nachruf an uns, uns wieder bewusster unserer Umwelt zu widmen.

Mein Nachruf geht an: David Bowie (8. Januar 1947 – 10. Januar 2016), der nicht nur in seiner Persönlichkeit sondern vor allen Dingen auch in den Facetten seiner Musik Wandelbarkeit und Individualität mit höchstem Genuss bewies – Ein Ausnahmekünstler und Weltverbesserer in der heutigen kommerziellen Musikwelt.

A Tribute to David Bowie

 

Ein Nachruf an: Alan Rickman (21. Februar 1946 -14. Januar 2016) und an dessen Naturtalent in seiner Schauspielkunst unter anderem mit Mr. Snape in Harry Potter – er war für mich derjenige – fast einzige, der mit seinem Schauspiel den Vorstellungen meiner kindlichen Fantasie von Harry Potters Charakteren nachkam und damit die Rolle für mich vollends umsetzte. „When I’m 80 years old and sitting in my rocking chair, I’ll be reading Harry Potter. And my family will say to me: ‚After all this time?‘ And I will say ‚Always‘.“ Schade nur, dass nicht sicher ist,ob Rickman dieses oft auf Facebook zitierte Zitat als Nachruf wirklich selbst gesagt hat.

 

Ein Nachruf an Roger Willemsen (15. August 1955-07. Februar 2016), mein Vorbild, ein Mann mit Humor und ungeschlagener Wortgewandtheit – ein Gewinn war er für die deutsche IQ-Bilanz. Als Berufsbezeichnung hieß es nicht nur, dass er Moderator, Regisseur oder Schriftsteller gewesen sei sondern auch „Intellektueller“. Roger war der Experte für scheinbar jedes Thema: Politik, Kultur und Gesellschaft – war in diversen Talkshows zu Gast und hatte viele Jahre eine eigene Talkshow mit Gästen von Rang und Namen moderiert – er war offen für alles und jeden – das machte ihn so sympathisch!
Und ein Nachruf geht an: Peter Lustig (27. Oktober 1937-23. Februar 2016) und an seine Erziehung unserer Generation Y und Digital Natives, die überspitzt gesagt Natur nur noch aus dem Fernsehen kennen und ihren Wissensdurst als Kinder in den frühen Morgenstunden gemeinsam mit Peter Lustig in seinem Wohnwagen gestillt haben. Das Gerücht, er würde keine Kinder mögen, hielt sich standhaft. Auch ich hatte es gehört, aber mochte es nicht recht glauben. Trotzdem war es schwer zu widerlegen, da es immer wieder in Berichten über ihn auftauchte. Ein Glück wurde es jetzt aufgeklärt mit Zeit-Online  (schade, dass es jetzt erst als Nachruf aufkam) – meine und eure Kindheit scheint gerettet und benötigt, denke ich, erstmal keinen Nachruf, jedenfalls, was Peter Lustig und seine Sendung Löwenzahn betrifft
Warum müssen plötzlich so viele Legenden der Musik, des Film und Fernsehens sowie Lesens gleichzeitig gehen, die uns alle ein Stück weit geprägt haben? Oder scheint es mir nur so?
Es zeigt mir jedenfalls leider erneut, dass wir so oft erst den Wert und die Leistung der Personen wiedererkennen, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind.
Ich habe zum Beispiel immer gern Sendungen mit Roger angeschaut, aber es aus den Augen verloren. Nun ertappe ich mich, dass ich noch keines seiner Bücher gelesen habe und das nachholen möchte.

Jetzt könnte man sich auch in Nostalgie schwelgend mal wieder eine Sendung Löwenzahn anschauen und begeistert die Sendungsmelodie mitsingen, eine Harry Potter Filmnacht Extended Version oder eine David Bowie Verwandlungsparty machen?

Harry Potter Extended Version mit Alan Rickman
oder mal sogar wieder als Buch lesen
mit eigener Fantasie?

 

Aber irgendwie kommen wir auf diese Ideen immer zu spät, weil wir dann erst wieder bewusst uns an das Lebenswerk derjenigen Stars zu erinnern scheinen. Warum ist das so? Streng genommen würden sie es doch sowieso nicht mitbekommen, ob nun gerade ich oder du ein Buch oder ein Film von ihnen mit einem goldenen Rahmen übers Bett hängen. Trotzdem würdigen wir diese besonderen Menschen gern zumindest in Gedanken -. Für David Bowie wurde so in Berlin öffentlich eine Gedenkzeremonie veranstaltet und Lady Gaga widmete ihm ein „Tribute to…“ mit einer Performance bei den Grammys. Für Roger wurde ein Nachruf auf diversen Fernsehsendern geschaltet.
Ich schreibe deshalb auch einen Nachruf an uns – die Nachwelt – nicht immer erst zu gedenken, sondern auch schon zu Lebzeiten tolle Künstler zu würdigen. Wir wollen deren Ideen und Kunst konservieren – ja geht mir auch so – aber Konserviertem fehlt oft die Frische. Wir können digital jedes Schriftstück, jedes musikalische oder szenische Meisterwerk konservieren und verlieren möglicherweise damit das Wesentliche aus den Augen. So wurden vor allen Dingen Facebook, Twitter und co überschwemmt mit Nachrichten und Meldungen des Gedenkens und Trauerns bei allen oben genannten Legenden, manchmal allein mit einem Hashtag: #rip. Zitate oder Musikstücke und Filmausschnitte wurden geteilt.
Es ist damit hier auch ein Nachruf an das Bücher lesen und die eigene Fantasie spielen zu lassen. Es ist ein Nachruf an das CDs oder gar Schallplatten kaufen und ein Nachruf an die Videokassette, an das scheinbar Nostalgische, was doch gefühlt erst scheinbar vor ein paar Jahren noch so modern war, als wir mit unseren Walkmans die Straßen unsicher zu machen schienen.
Nachruf an unsere Kindheit
der Genaration Y

Es ist ein Nachruf an das Leben offline – vor lauter Google, Faceook, Instagram, Podcasts, Tweets oder Likes die Realität nicht zu vergessen – mal rausgehen und die Umgebung zu entdecken oder gern auch ein Konzert oder eine Lesung unserer Ikonen zu besuchen, ein Buch von ihr auf der Parkbank zu lesen oder mit dem „Vorsicht Nostalgie“ MP3 Player (Walkman kennt ja keiner mehr) spazieren zu gehen. Ihr dürft mich nicht falsch verstehen, ich bin die Letzte, die das digitale Leben verflucht. Ich liebe es und sehe es auch immer als Kommunikations- und Informationsplattform, genau um auch auf solche Ereignisse aufmerksam gemacht werden zu können und sie weiter zu tragen. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass wir manchmal nicht bewusst genug durch das Leben gehen, um die Umwelt mit offenen Augen zu entdecken. Es ist ein Nachruf an uns, die Welt ohne Instagramfilter zu betrachten, vielleicht sogar mal ohne Handy auf die Straße zu gehen. Ohne Handy scheinen wir heutzutage aufgeschmissen, umso schlimmer: Sobald der Akku ausgeht, unser Internetanbieter streikt oder wir es nicht mit haben, sind wir quasi nackt. Wir können weder kommunizieren, uns unterhalten noch ablenken.

Es ist ein Nachruf an die Face-to-Face Kommunikation an die gemeinsamen Absprachen – ein Nachruf an die Spontanität, um nicht jede Kleinigkeit mit What’s-App oder SMS planen und kommunizieren zu müssen. Es ist ein Nachruf an die Nichterreichbarkeit, die uns manchmal wieder fehlt. Wir sollten nicht immer auf unsere Handy starren, erst recht nicht wenn uns ein guter Freund gegenübersitzt – wir sollten online nicht immer erreichbar sein.

#nofilter (Berlin, Tiergarten)

Doch einen Haken haben diese Nachrufe: Es können die Sekunden und Minuten sein, die wir offline sind, in denen eine neue Meldung über Nachrufe unserer Ikonen über Facebook und Twitter angezeigt wird, die wir teilen können und möchten mit zum Beispiel der Person, die uns gegenüber sitzt. Ein elender Kreislauf 🙂 Nehmen wir diese Menschen doch zumindest mit in den nächsten Buch- oder Plattenladen, um gemeinsam in Würde das Lebenswerk der Legende zu gedenken. Denn diese Trauernachrichten haben sie bestimmt auch schon über Facebook und co erreicht. #rip

In Gedenken an:

Roger Willemsen – Ein Nachruf

Vielen lieben Dank an Josi Grude für die Fotos und für deine Bereitstellung deiner Sammlungen zu Bowie und Harry Potter. 🙂

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