Feuilleton

Im Recall…


 
Am Puls der Stadt

Ich renne mittlerweile zur U-Bahn, obwohl vier Minuten später die nächste kommt.
Ich bewege mich bereits mit Berliner Mindestgeschwindigkeit durch die Straßen, gefühlt doppelt so hoch wie in anderen Städten. Eine halbe Stunde Arbeitsweg ist hier ein Katzensprung, sodass man die Länge von Wegen in Berlin mit Schnelligkeit und Effizienz wett zu machen scheint:
Könnte ich mich also ab sofort Berlinerin nennen?
Ich denke noch nicht. Berlin für Fortgeschrittene bedeutet nämlich noch in die U-Bahn zu springen, obwohl bereits das übliche „Zurück bleiben bitte“ durch die Lautsprecher tönt, was so viel heißt wie: JETZT schließen die Türen. Für die Kamikaze-Berliner ist das nicht genug, für sie hieße es außerdem den Nervenkitzel zu spüren, wenn beim Hineinspringen die U-Bahn so voll ist, dass man mit der Tür kuscheln muss. Es ist fraglich, ob man überhaupt noch hineinpasst. Sie haben aber scheinbar die Befürchtung, dass nie wieder eine U-Bahn kommen wird…(Stimmt erst vier Minuten später…)
Die Stadt ist voller Menschen.




Berliner Mindestgeschwindigkeit

Ich gebe zu, dass ich am Anfang etwas naiv war, zu glauben, dass ein Umzug nach Berlin fix gehen würde. Ich habe die Rechnung ohne all die anderen  Wohnungssuchenden gemacht. Innerhalb von zwei Stunden bekommen diejenigen, die die Anzeige aufgegeben haben oft so viele Anfragen, dass sie das Inserat bereits wieder deaktivieren. Eine Einladung zum Besichtigungstermin heißt quasi im Recall zu sein. Man hat die erste Hürde geschafft und darf dann die Herausforderungen des „Assessmentcenters“ auf sich nehmen. Eine Kollegin meinte, dass sie für ihre Wohnung sogar ein Motivationsschreiben gemacht hätte. Eine Wohnung in Berlin zu suchen und zu bekommen sei noch schwieriger als das WG – Zimmer zur unbefristeten Miete oder gar ein Termin beim Bürgerbüro, um sich umzumelden. Das muss was heißen. 
In Berlin ist nichts selbstverständlich

Dennoch fühlt sich die Stadt mit seinen drei Millionen Menschen auch an, wie am Puls des Lebens zu sein.
Berlin polarisiert. Die Stadt ist riesig. Ich höre oft: „Das ist nichts für mich. Ich mag große Städte, aber Berlin ist so ungeheuerlich“.
Ja Berlin ist groß, aber ungeheuerlich finde ich Dörfer und Kleinstädte oft auch, sogar fast noch ungeheuerlicher. Jeder kennt jeden und kann die Augen vor dem Wahrhaftigen verschließen. “ Sowas gibt es bei uns in der Nachbarschaft nicht.“
„In Berlin sieht man all das Elend“. Das stimmt, aber was hätten wir eigentlich davon, wenn wir es nicht sehen? Gibt es das Elend dann nicht? Man sieht in Berlin die Realität und ist damit ein Teil von ihr – täglich.

„Berlin sei eine Szenestadt, jeder will da hin, wenn er was hippes starten will, am besten mit Medien.“

Berlin, die Stadt der zwei Gesichter

Berlin ist tatsächlich eine Stadt, die künstlerische, soziale engagierte und kreative Menschen anzieht. Ja, manchmal sind es ganz schön freakige Leute, die irgendwie speziell sind.

Ich mag das aber gerade. Berlin hat zwei spannende Gesichter. Es ist ein Querschnitt der Deutschen, eine Stadt in der jede Persönlichkeitsform wahrscheinlich vertreten ist. Das andere Gesicht ist das spezifisch Berlinerische, das individuelle, was es nur in Berlin gibt und scheinbar alle etwas mit einander vereint. So empfinde ich es zumindest, wenn dicht gedrängt einer neben dem anderen in der U-Bahn sitzt. Und wenn es das scheinbar um die Wette rennen mit der Zeit ist, was sie verbindet: Rennen, um nicht zu spät nach Hause zu kommen… 
Anzukommen. Berlin ist ein Konglomerat aus Leuten, die ankommen möchten und Leute die gerade auf der Suche sind.

Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, um „anzukommen“ im Leben? Gibt es den und ist er von Person zu Person unterschiedlich? Ich höre von einigen, dass sie ankommen wollen im Leben, sesshaft werden. Ich genieße es gerade mal eben nicht schon angekommen zu sein, sondern die Welt und das Leben aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. Bin ich deshalb zu unerwachsen? Weil ich noch kein Haus bauen möchte? Weil ich eher bereit bin für wenig Geld einen Job auszuüben, der mir Spaß macht und mich erfüllt? Weil mir deshalb auch beim Gedanken an einen befristeten Job wenig angst und bange wird, da es gleichzeitig bedeuten kann, sich auszuprobieren und weiterzuentwickeln?

Suchen? Ankommen?

Wir kommen, denke ich alle im Leben öfter an den Punkt, bei dem wir im eigenen Recall zu sein scheinen. Das können ganz unterschiedlichen Situationen sein und Fragen aufwerfen wie: Will ich das wirklich, was ich gerade habe und das Leben, was ich führe? Ist der Job, den man gerade ausübt. wirklich derjenige Traumjob, den man immer haben wollte? Habe ich weitere Karriere- und Aufstiegschancen? Ist der Ort, an dem man lebt, ,der an dem man alt werden möchte, weil man sich dort wirklich wohlfühlt oder will man noch einmal etwas neues kennen lernen? Ist der derzeitige Partner, „der“/ „die“ Richtige? Gibt es den oder diejenige oder sollte man zufrieden sein, mit dem was man hat? Oder sind die Leute, mit denen man sich umgibt, die man hinterfragen sollte, weil sie nicht mehr gleiche Wege mit einem gehen?

Ein Recall heißt auch immer die Chance, neu zu entscheiden, ob man sein Leben so weiterführen will, wie es derzeit ist, oder ob man neue Wege gehen sollte. Schön klingt die Vorstellung, mal die Welt anzuhalten, um was auszuprobieren, auch wenn man mit seinem derzeitigen Leben nicht unbedingt unglücklich ist.
Berlin ist so etwas gerade für mich, nicht unbedingt für immer aber gerade eben jetzt, egal für wie lang.
Es stimmt, auch das klingt mehr oder weniger nach ankommen, gleichzeitig aber auch nach suchen. Es ist mein Recall. Wo seid ihr in eurem Leben gerade im Recall?

Weiterführende Links:
Fortsetzung zu: Berlins Eigen(zig)artikeiten
Kiezneurotiker mit Erwähnung zu meinem ersten Teil 🙂

8 Kommentare zu „Im Recall…

  1. Berlin ist ein Nest !
    Ein Flecken, ein Provinznest.
    Ich meine das ernst.
    Mach einfach mal ne Wanderung durch Berlin.
    Quer durch.
    Geht ruck zuck.
    Oder mit dem Rad.
    Mal durchcruisen.
    Und Du wirst sehen, wie klein Berlin ist.

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  2. Ja wahrscheinlich 🙂 Vielleicht sollte ich so eine Fahrradtour mal wagen. Aber es liegt immer im Auge des Betrachters. Ich kenne sogar Berliner, die sagen, dass sie die Stadt immer noch groß finden. Und dass Berlin ungeheuerlich sei, war ja keine Aussage von mir, sondern ein Argument, das ich entkräften wollte. Ich höre es einfach zu oft von Nicht-Berlinern.

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  3. Ach was….
    Ich fühle mich in Berlin sicherer als in meiner
    Provinzmetropole auf dem Busbahnhof um 1 Uhr Nachts.
    Da kann es wirklich unangenehm werden.
    Solche Situationen hatte ich in B nie !

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  4. Berlin besteht aus hunderten Nestern, Kieze genannt.

    Ihr beiden habt es gut, Ihr könnt notfalls immer zurück in Eure Provinz, in der der Liebe Gott das letzte Wort hat. Als in Berlin Geborener darf ich Euch versichern: Innerhalb Deutschlands bliebe mir zum Wohnen im Notfall noch Hamburg. Den Rest Deutschlands kann man bereisen, ja, aber sich irgendwo niederlassen? Höchstens als Einsiedler. Oder man geht ins Ausland. Das wär' dann ein echter „Recall“ (ich sehe immer das Gesicht von Bohlen vor mir, wenn ich das Wort höre oder lese).

    Vielen Dank für die Mühe, die Du in Deinen Blog investierst, Luise, für mich ist Deine Sicht der Dinge in Berlin sehr interessant.

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  5. Ich glaube über Berlin kann ich noch sehr viel schreiben. die Stadt fasziniert mich. Aber du hast recht. Manchmal ist es angenehm zu wissen, dass ich bei dem ganzen Trubel einfach in meine Heimat kann. Da tickt die Uhr noch ein bisschen langsamer. Schön, dass dir meine Gedanken zu Berlin gefallen. Es wird noch weitere geben!

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  6. Ich glaube über Berlin kann ich noch sehr viel schreiben. die Stadt fasziniert mich. Aber du hast recht. Manchmal ist es angenehm zu wissen, dass ich bei dem ganzen Trubel einfach in meine Heimat kann. Da tickt die Uhr noch ein bisschen langsamer. Schön, dass dir meine Gedanken zu Berlin gefallen. Es wird noch weitere geben!

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  7. Der erste Teil erinnert mich stark ab meine ersten Schritte als Student in Mainz. Na klar kann man mainz bei weitem nicht mit Berlin vergleichen, aber wenn man aus einem recht kleinen Ort kommt ist das Bahn und Buschaos ei e ganz neue Welt.
    Es gilt als Student die Devise: 'da Pass ich noch rein' egal wie voll der Bus ist, ob sich die Türen nicjt mehr schließen und alle wahnsinnig werden, es gibt immer einen der noch näher an der Tür steht als du selbst.
    Irgendwie auch ein interessantes Motto, oder? Es gibt immer noch jemanden der knapper kommt, der waghalsiger lebt als du, der mehr riskiert und mehr erreicht?
    Ich denke es ist wichtig zufrieden zu sein, mit der aktuellen Situation – mach einen Kopfsprung in Alles Neue, stürzt dich in Abenteuer und erlaubt dir ruhig mal in der Masse zu verschwinden.
    Ich denke in Berlin zu leben ist eine wahnsinnige Herausforderung aber mit Sicherheit mit einem riesigen Spaß verbunden. Ich freu mich für dich, dass du dich so etwas großem stellst 🙂

    Viele Grüße,
    Anna ♡

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  8. „Es gibt immer einen der noch näher an der Tür steht im Bus“ – ist wirklich ein spannender Vergleich mit dem Leben. Es gibt zwar viele Möglichkeiten, die man ergreifen kann, gerade in Berlin. Aber es gibt auch umso mehr andere, die die gleichen Möglichkeiten ergreifen möchten. Doch irgendwann stehen wir alle mal direkt an der Tür – und wenn es die gegenüberliegende ist. Sie ist zwar gerade geschlossen, doch bei der nächsten Station im Leben kann es diejenige sein, die man unerwartet zuerst öffnen darf. Danke für den tollen Kommentar mit deinen Gedanken Anna! Danke für das Motto 🙂

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